Hasse-Brandler an der Großen Zinne – Kletterklassiker mit Geschichte und Charakter
- Dominik Reiter
- 7. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit

Die Große Zinne in den Dolomiten ist ein Monument des Alpinkletterns – und mit ihr die Hasse-Brandler-Route auf der Nordwand: steil, kühn, brüchig, ausgesetzt – und mit Sicherheit eine der bedeutendsten klassischen Nordwandrouten der Ostalpen.
Ein Ort zwischen Mythos, Ernst und Schönheit
Wer einmal über die Scharte zur Drei-Zinnen-Hütte aufgestiegen ist und das Panorama der Nordwände vor sich sieht, versteht schnell, warum diese Wände seit jeher Ehrfurcht einflößen. Die Große Zinne – 2.999 m hoch – ist dabei der imposanteste Pfeiler. Ihre Nordwand fällt fast 500 m senkrecht ab und beherbergt neben der Comici/Dimai auch die berüchtigte Hasse-Brandler – benannt nach den Erstbegehern Dietrich Hasse und Lothar Brandler, die die Linie 1958 mit Sigi Löw und Jörg Lehne erstmals durchstiegen.
Die Route: Charakter, Stil und Anspruch
Die Hasse-Brandler ist heute eine klassische Nordwandtour im achten Grad (8+ frei oder 6/A3 obl.). Sie zieht sich durch die markante Verschneidung im Mittelteil der Wand und erfordert auf ca. 500 m Länge viel psychische und physische Substanz:
Alpine Ernsthaftigkeit: Rückzug im steilen Wandbereich ist kaum möglich
Weit auseinanderliegende, oft alte Haken
Brüchiger Fels in einigen Passagen
Lange Zustiege und ernste Bedingungen bei Feuchtigkeit oder Wetterumschwung

Die Route wurde ursprünglich im klassischen Stil mit viel technischer Kletterei erstbegangen. Über die Jahre wurden Teile frei geklettert, andere sind durch neue Bohrhaken entschärft worden – allerdings nur punktuell.
Absicherung: Zwischen damals und heute
Ein Großteil der Absicherung besteht aus alten Normalhaken, zum Teil rostig und in schlechtem Zustand. Einige Standplätze wurden durch Bohrhaken ergänzt, was die moralische Belastung im Vorstieg etwas reduziert. Dennoch ist Erfahrung im mobilen Absichern, Umgang mit altem Material und alpine Selbstverantwortung absolut notwendig.
Friends, Keile und ein klarer Kopf sind hier wichtiger als Sportklettergrad.

Persönliche Eindrücke aus der Wand
Seit einigen Jahren hatte ich die Hasse-Brandler im Kopf. Letztes Jahr stand ich bereits am Einstieg, musste aber wieder wegen Nässe umdrehen. Dieses Jahr hat endlich alles gepasst.
Der Moment, wenn man um die Ecke biegt und die Nordwände der Zinnen plötzlich vor einem aufragen, ist immer wieder surreal. Spätestens da meldet sich der Respekt. Und er wächst, je näher man der Wand kommt. Mit jedem Schritt wird klarer: Diese Tour ist mehr als nur Klettern – sie fordert mentale Stärke, Ausdauer und Vertrauen.
Bereits vor dem Einstieg kreisten meine Gedanken: Werde ich das schaffen? Wie wird mein Kopf mitspielen, wenn die Haken zum Großteil ein halbes Jahrhundert alt sind? Die wenigen neuen Bohrhaken helfen zwar der Vorstiegsmoral, aber sie ändern nichts an der Grundspannung.
Trotz der Unsicherheit belohnt die Tour von Anfang an – durch ihren historischen Charakter, die ausgesetzte Linie und das Gefühl, wirklich "in der Wand" zu sein. Die Felsqualität wechselt zwischen kompakt und brüchig, oft ist kein Griff so richtig fest. Die Ausgesetztheit ist beeindruckend – selten hatte ich so viel Luft unter mir.
Der Preis: Eine sehr kurze Nacht, ein verlorenes Handy, moralisch fordernde Passagen, teils nasser Fels und in den letzten Längen schon die ersten Krämpfe. Aber es hat sich gelohnt – und war bei Weitem die bessere Wahl als die benachbarte Comici/Dimai, in der sich an dem Tag acht Seilschaften gegenseitig im Weg standen.

In so einer Route braucht es Vertrauen – nicht nur in deine eigene Leistung, sondern auch in den Seilpartner.
Zustieg und logistische Hinweise
Ausgangspunkt: Rifugio Auronzo oder Drei-Zinnen-Hütte
Zustieg zur Nordwand: je nach Startpunkt ca. 1–1,5 Stunden
Einstieg: An der tiefsten Stelle der Nordwand
Abstieg: über den Normalweg der Großen Zinne (UIAA II–III, teils abklettern/abseilen)
Früher Start ist Pflicht. Die Wand liegt nordseitig, oft feucht – Gewittergefahr ab Mittag ist real. Gutes Timing, Planung und Wettercheck sind essenziell.
Die Geschichte der Route und ihrer Begehungen
Eröffnet wurde die Route 1958 – eine Zeit, in der Dolomitenklettern im Wandel war. Dietrich Hasse und Lothar Brandler setzten mit ihrer Linie ein Zeichen: Anspruch, Mut und stilistische Konsequenz.
Die Tour galt lange als kühnste Wandlinie der Zinne.
Im Jahr 2002 setzte Alexander Huber einen neuen Maßstab: Er kletterte die Hasse-Brandler Free Solo, ohne Seil und Sicherung – ein Meisterstück an mentaler Kontrolle und technischem Können. Bis heute bleibt diese Begehung legendär und mahnt gleichzeitig, mit welchen Dimensionen man es in dieser Route zu tun hat.
Fazit
Die Hasse-Brandler ist ein Klassiker, der nicht nur alpinistisch fordernd ist, sondern auch mental viel verlangt. Wer hier einsteigt, sollte wissen, was auf ihn zukommt – aber wird auch reich belohnt: mit Geschichte, Weite, Tiefe und einer echten Klettererfahrung.
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